Latente Notizen, vorläufig und unausgegoren


31.07.2016

Vor einiger Zeit hatte mein Browser einen spannenden Darstellungsfehler: Wenn in dem einen Tab ein eingebettetes Video war und und der Tab lange genug aufblieb, dann hat wurde statt des entsprechenden Standbildes oft eine zerhakte Mischung aus den Bildern in den anderen Tabs angezeigt - bis man das Video startete. Die fand ich teilweise so interessant, daß ich ein paar davon per Screenshot aufgehoben habe:















































11.6.2016

Wenn man mit Anhängern von Luhmanns Theorie sozialer Systeme redet, merkt man oft, wie sie immer noch davon überzeugt sind, daß sie eine fortschrittliche, neue und vor allem weitergedachte Perspektive auf die soziale Wirklichkeit haben. Besonders deutlich wird dies, wenn es um das Konzept von Kommunikation geht. Hier sprechen sie oft von dem "überkommenen", "einfachen" oder sogar "naiven" Kommunikationsbegriff, von dem sich der ihrige deutlich unterscheide, und meinen damit ein simples Sender-Empfänger-Schema.

Allerdings ist dies in den meisten Fällen eine dreiste Unterstellung, denn wer geht heutzutage noch von so etwas aus? Eigentlich niemand und darum dient diese Unterstellung nur der Selbstbestätigung ihrer eigenen Fortschrittlichkeit – die eigentlich gar nicht so groß ist, denn der luhmannsche Kommunikationsbegriff ist im Grunde nur ein Ausdruck dessen, daß allein das Soziale – also das, was zwischen den Menschen und nicht "in" ihnen (mit einer gewissen Regelmäßigkeit bzw. Gleichförmigkeit) passiert – zum Gegenstand der Theorie gemacht wird. Das ist zwar analytisch und theoriekonstruktiv ein durchaus kluger Schachzug, dies allerdings unter dem Begriff der Kommunikation laufen zu lassen ist nicht nur verwirrend, sondern führt auch zur Annahme, daß es hier um den gleichen Gegenstand gehe, den nur sie richtig erfassen würden. Damit verfangen sie sich in einer zweifachen Illusion, erstens eben in der von der Fortschrittlichkeit und zweitens in der, daß sie ihre theoretische Wirklichkeitbeschreibung für die Wirklichkeit selbst halten – und die anderen Beschreibungen als naiv und irrig diffamieren.



2.9.2015

Achtung! Dies hier ist keine Handlungsaufforderung, sondern eine rein hypothetische Betrachtung...

Wie man gebrauchte Bücher zum Wunschpreis über Ama**n kaufen könnte:

Wer hat sich nicht schon über die seltsam krummen Preise beim bekannten Online-Shop für von anderen Händlern angebotene, gebrauchte Bücher gewundert? Und wie sie, wenn das gleiche Buch von mehreren angeboten wird, oft nur um einen Cent voneinander abweichen? Das kommt daher, daß diese professionellen Händler (z. B. jener, dessen Namen sich aus einer Verkürzung des Wortes Medien und Loriots Lieblings-Hunderasse zusammensetzt) Programme nutzen, die automatisch den eigenen Preis stets knapp unter den von anderen Anbietern setzen. Wer schon mal selbst versucht, hat, auf dieser Plattform ein Buch zu verkaufen, wird sich vermutlich sehr geärgert haben, wie jeden Tag der eigene Preis neu unterboten wurde. Darum lohnt es sich für Privatleute auch nicht mehr, dort ihre gebrauchten Bücher zu verkaufen.

Doch diesen Mißstand könnte man – rein theoretisch natürlich – ausnutzen, wenn man selbst ein Buch kaufen möchte, einem aber der Preis jener Anbieter zu hoch ist. Und das ginge so:

Hat man ein gebrauchtes Buch gefunden, das einem zu teuer ist und das auch einer jener professionellen Händler anbietet, stelle man als Verkäufer dieses selbst zum Verkauf ein – obwohl man es ja gar nicht besitzt. Dabei sollte man natürlich den Zustand als möglichst schlecht angeben und auch so beschreiben (z. B.: viele Anstreichungen, lose Seiten, schmutziger Umschlag usw.), um die Chance, daß es tatsächlich von jemand anderem gekauft wird, zu minimieren. Dabei setzte man den Preis einige Euro unter den des anderen Händlers. Spätestens nach einem Tag wird er seinen Preis automatisch ebenfalls heruntergesetzt haben, jedoch um einen Cent günstiger.

Dieses Spielchen könnte man dann noch solange wiederholen, bis der eigene Wunschpreis erreicht ist oder das automatische Unterbieten nicht mehr funktioniert. Dann könnte man das Buch bei dem anderen Händler kaufen und das eigene Angebot wieder löschen.

Das einzige dabei einzugehende Risiko wäre, daß jemand tatsächlich das von einem selbst angebotene Buch kauft. Dann müßte man in den sauren Apfel beißen und das Buch beim anderen Händler kaufen und unter Verlust weiterverkaufen. Daher wäre es angeraten, die Unterbietungs-Schritte nicht zu groß zu wählen.

So könnte man, nebenbei bemerkt, Nutznießer von einer Markttransparenz werden, die Ökonomen in ihren Theorien schon voraussetzten, als sie noch gar nicht vorhanden war, und nun, wo es sie auf begrenzten Märkten für alle beteiligten Akteure gibt, sie zu diesen Absurditäten und damit zu einem im Endeffekt nicht sinnvollen Wirtschaften führt.



3.1.2015    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Es gibt das Kaffee trinken und es gibt das Kaffeetrinken. Kaffee kann man immer und mittlerweile auch überall trinken. Der schnelle Wachmach-Kick für unterwegs, im Pappbecher, von vorgeblich hoher Qualität und in allen nur erdenklichen Variationen – gehalten in der einen Hand, das Smartphone in der anderen.

Man kann aber auch beim Kaffeetrinken Kaffee trinken. Das Kaffeetrinken als soziale Praktik ist ein geselliger und ungehetzter Akt, der genau darum vollzogen wird und bei dem das Kaffee trinken zwar elementarer Bestandteil ist, der Kaffee selbst jedoch nicht das Wichtigste. Kaffee enthält normalerweise Koffein und macht wach und soll auch wach machen. Interessant ist jedoch, daß im ersten Fall des Kaffee trinkens der Kaffee wach machen soll, um für andere Tätigkeiten wach zu sein. Er ist also Mittel zum Zweck und wird darum auch oft getrunken, während man anderen Dingen nachgeht. Im zweiten Fall des Kaffeetrinkens soll er zwar auch wach machen, jedoch tut man währenddessen nicht das, wozu man unwachgemacht nicht wach genug war, sondern es wird eine Auszeit von anderen Tätigkeiten zelebriert.

Man wird durch das Koffein wach gemacht, um die Pause zu genießen und nicht, um etwas anderes zu tun, wenn nicht sogar um nichts zu tun. Wach werden als Ritual der Entspannung, Kaffee to stay und nicht to go. Und wenn der wachmachende Effekt wieder nachläßt, kehrt man geruhsam und entspannt – aber nicht wacher – zu der Tätigkeit zurück, die man pausiert hatte. Eine Tradition, die heutzutage schon subversiv erscheint. Oder anders herum: Was ist passiert, daß eine solche, lang praktizierte Tradition subversiv erscheint?



28.9.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Als ich heute in der S-Bahn saß, bemerkte ich, daß ich keine Fahrkarte gekauft hatte. Was tun? Es gab zwei Möglichkeiten: Aussteigen, eine Fahrkarte kaufen und mit der nächsten Bahn weiterfahren oder sitzenbleiben und hoffen, daß kein Kontrolleur kommt.

Dann überlegte ich: Entscheide ich mich für die erste, bin ich auf der sicheren Seite, denn falls ich kontrolliert werde, habe ich einen Fahrschein. Entscheide ich mich für die zweite und werde kontrolliert, muß ich Strafe zahlen und ärgere mich. Also eine klare Sache, was zu tun ist? Mitnichten.

Denn steige ich aus, kaufe ein Fahrkarte und werde kontrolliert, wäre es Quatsch zu sagen: "Gut, daß ich eine Fahrkarte gekauft habe, denn jetzt werde ich kontrolliert", da ich in der vorherigen Bahn vielleicht gar nicht kontrolliert worden wäre. Ich weiß dann gar nicht, ob es eine gute Idee war. Und bleibe ich sitzen und werde kontrolliert, kann ich auch nicht sagen: "Blöd, daß ich nicht ausgestiegen bin und eine Fahrkarte gekauft habe", denn vielleicht wäre ich in der folgenden Bahn gar nicht kontrolliert worden.



1.7.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Ich habe letzte Nacht geträumt, daß ich in einer mir gut bekannten, aber in Wirklichkeit schon nicht mehr existierenden Wohnung war. Ich guckte mich um und bemerkte, daß ein paar Möbel falsch standen und zwei Einrichtungsgegenstände physisch am selben Platz standen. So dachte ich im Traum bei mir: Ich muß gerade träumen, denn erstens gibt es diese Wohnung nicht mehr und zweitens ist sie falsch eingerichtet. Und wenn ich gerade träume, könnte ich jetzt doch auch mal fliegen. Also fing ich an zu schweben, der vor mir stehende Couchtisch gleich mit, mit dem ich dann, ich weiß nicht warum, ein paar mir unliebsame Menschen attakierte. Dann wachte ich auf.

Man nennt das einen luziden Traum. Allerdings frage ich mich, wer dieses Ich war, das da erkannte, daß es nur träumte, denn ich träumte ja dieses Ich. Das bedeutet, daß nicht ich erkannte, daß ich träumte, sondern das geträumte Ich erkannte, daß es, das geträumte Ich, träumte – denn es erkannte zwar, daß es träumte, konnte aber nicht erkennen, daß es ein geträumtes Ich war und schon gar nicht, daß ich es war, der dieses Ich träumte. Denn ich träumte, und wenn ich träume, träume ich und bin nicht wach und darum ist alles, was ich während des Träumens erlebe, nur ein Traum – wozu auch jegliche Erkenntnis gehört. Ich habe also nicht erkannt, daß ich träume, sondern ich habe geträumt, daß ich erkenne, daß ich träume und daß ich diesen Traum beeinflussen kann.

Oder kurz gesagt und auf die wohlbekannte Formel des wohlbekannten Herren gebracht: Ein Beobachter kann nicht beobachten, daß er beobachtet.



11.4.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Auf dem Friedhof sind einige Gräber mit Kunstblumen geschmückt. Kunstblumen, weil sie niemals verblühen, wie aus Trotz gegenüber der Vergänglichkeit.

Doch ihre Blüten bleichen aus, werden grau, auf ihren Plastikblättern sammelt sich eine Schicht von Staub und Dreck an und wenn sie Glück haben, verschwinden sie im Winter für kurze Zeit unter einer dicken Schicht Schnee. Wenn der dann geschmolzen ist, wächst im Frühling nebenann überall neues, frisches Grün, und ganz unspektakuläre Löwenzahn und Gänseblümchen schlagen die durch Wind und Wetter halb verwitterten Kunstblumen mit ihrer lebendigen Frische um ästhetische Längen.

Und es wird klar: Jemand hat hier etwas Wichtiges nicht kapiert.

12.3.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Das Irritation und Ärger auslösende Stören der sogenannten Internet-Trolle besteht nur darin, daß sie sich dem Diskurs entziehen, indem sie die an dem Ort des Diskurses geltenden Kommunikationsregeln mißachten und ganz eigenen Regeln und Logiken folgen. Sie brüskieren die an sie gestellten Erwartungen der Kommunikationsweise, indem sie nicht ihnen, sondern stattdessen gar nicht vorhandenen, eigenen Erwartungen entsprechen.

Das ist das gleiche Prinzip wie bei der neutestamentarischen performierten Nächstenliebe (siehe dieses pdf), und darum ist genau wie jene das Troll-Phänomen mit dem sich für fortschrittlich haltenden, speziellen Kommunikationsbegriff luhmannscher Ausprägung ebenfalls nicht zu erfassen.


10.3.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Entweder, man verbringt sein Leben mit den Interessanten, die anstrengend sind, oder mit den Langweiligen, die pflegeleicht sind. Hat man sich für die/den eine/n entschieden, sehnt man sich nach den anderen.


5.3.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Eine gute Theorie/Idee/Erklärung wird nicht deswegen ungültig oder gar unplausibel, weil die empirische Grundlage, anhand der sie gebildet wurde, sich als falsch herausstellt oder wegfällt.

Siehe z. B. Hannah Arendts Banalität des Bösen und der Bär des bürokratieverliebten, gewissenfreien Befehlsausführers, den der überzeugte Antisemit Eichmann ihr aufgebunden hatte.


3.3.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Als junger Jugendlicher hat mich aktuelle Politik und Fußball nicht die Bohne interessiert und ich konnte nicht nachvollziehen, wie andere – Gleichaltrige – engagiert darüber diskutierten. Das lag aber nicht daran, daß ich die Sachen selbst uninteressant fand, sondern weil es mir sinnlos erschien, Kraft für Dinge aufzuwenden, die am nächsten Tag schon wieder ganz anders, nicht mehr aktuell oder überholt sind.

Damals war mir allerdings noch nicht klar, daß die anderen gar keine Kraft aufwenden, weil ich nicht durchschaute, daß das Gerede nur Gerede und kein fundiertes Gerede ist. Und daß es von Tag zu Tag wechseln kann, daß Meinungen sich ins Gegenteil drehen können, ohne daß es den Leuten irgendwie peinlich wäre.

Wenn nämlich überhaupt kein Interesse daran besteht, Dinge von sich zu geben, die für längere Zeit Bestand und Gültigkeit haben, dann ist es auch schnuppe, daß die Sachen, über die man spricht, schnell nicht mehr aktuell sind.


27.2.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Da unterhält man sich mit jemandem und bemerkt, daß so viele Gesprächs-Schweigepausen entstehen und denkt darüber nach, warum einem nichts mehr einfällt, spontan etwas zu sagen einfällt. Und dann geht einem auf, daß es an der Themen-Sprunghaftigkeit des Gegenübers lag: Hat man gerade etwas erzählt und war noch lange nicht fertig mit dem Thema und hatte noch einiges zu sagen und zu erzählen, nahm er/sie etwas im Erzählten als Stichwort für etwas nicht Dazugehöriges und, zack, war das Thema beendet und ein neues aufgemacht. Das passierte mehrmals, und so waren alle Themen, alles, was man erzählen wollte und zu sagen hatte, schneller abgehandelt als gedacht. Und es fiel einem nicht nur darum nichts mehr ein, weil man jetzt nichts neues mehr zu erzählen hatte, sondern auch, weil man durch diese Kommunikationsweise ein Gefühl bekam, als wären die eigenen Themen dünn, substanzlos, inhaltsarm usw. und so verging einem die Lust am Weiterreden.

Der/die andere tat das in keiner bösen Absicht und wohl auch nicht aus Egozentrik, Geltungsdrang o. ä., sondern einfach, weil es nicht nur der gewohnten Unterhaltensart, sondern auch der gewohnten Auseinandersetzungstiefe mit einer Sache entspricht. Denn wenn man selbst nicht eine intensivere und tiefere Auseinandersetzung mit Themen praktiziert und gewohnt ist, dann denkt man auch nicht, daß es bei anderen so sein könnte. Was dem anderen dann als Sprunghaftigkeit erscheint, ist für sie/ihn normaler Themenwechsel nachdem das Thema als "durch" betrachtet und nicht erwartet wird, daß da noch mehr kommen könnte.


26.2.2014    [auf Latent.de – Worte übernommen]

Mußte ja schon seit längerem innerlich eine Augenbraue hochziehen, wenn Uta Ranke-Heinemann einerseits die Jungfrauengeburt und andere Absurditäten in der katholischen Glaubenslehre kritisierte, aber zugleich meinte, daß sie den Glauben an ein Jenseits nicht aufgeben könne, da sie sich nicht vorstellen könne, ihren verstorbenen Mann nicht wiederzusehen.

Vielleicht rührt es von meiner protestantischen Erziehung her, hier verdeckt "inkonsequent!" zu schreien. Aber so ist das eben: Wenn man erst einmal anfängt, mit Rationalität und Logik dem Glauben zu Leibe zu rücken, gibt es auf lange Sicht kein Halten mehr. Den Protestanten kann man zumindest zugute halten, daß sie sich nicht feige in Bigotterie flüchten, sondern, ihre masochistische Haltung auch hier auslebend, sich bis zu/m (ihrem) Ende mit allerlei Glaubensfragen herumquälen.


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