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Viel lesen (müssen)

(2015)


Geisteswissenschaftler müssen viel lesen, durchaus. Doch wenn Geisteswissenschaftler über das Lesen reden, kokettieren sie damit meist. So als ginge es nur darum, viel zu lesen, als ginge es um die Menge und als sei die Menge eine Ausweis des intensiven Arbeitens.

Darum geht's natürlich nicht. Es ist keine quantitative, sondern eine qualitative Frage und auch die manchen pfiffig erscheinende Ausrede, etwas nicht oder nur ganz oberflächlich gelesen zu haben und trotzdem darüber zu reden (reden zu können), verfehlt die Sache. Es ist ja gar nicht das Problem, daß man so viel lesen müßte, wie man im im ganzen Leben niemals schaffen könnte. Entscheidend ist vielmehr, ob man etwas (irgendwie) verstanden hat. Dann erübrigt sich auch die Frage, ob man etwas vom Gelesenen auch behalten hat (womit ebenfalls sehr gerne kokettiert wird), denn man behält sowieso wenig von dem, was man nur gelesen hat, aber viel von dem, was und wie man es verstanden hat.

Man kann nur sinnvoll lesen, indem man wieder vergißt, was man gelesen hat – aber eben nicht, was man dabei gelernt hat. Gelernt und nicht einfach nur "behalten"; aus dem Text oder aus/durch die Auseinandersetzung mit ihm.

Das widerspricht übrigens auch genau der unsäglichen Sitte des Name-Droppings und auch schon dem üblichen, aber im Grunde für das selbst Geschriebene funktionslose Anführen von Themen, Zusammenhängen oder Erklärungen mittels Autorennennung. Wer das betreibt, reproduziert bzw. kuratiert nur und hat wenig begriffen und sich auch nichts sich zu eigen gemacht – schon gar nicht in Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Name-Dropping und ewig lange Literaturlisten wecken stets den Verdacht, daß nur Reproduktion stattfindet.


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